Das Märchen vom tapferen Dahlemännlein

„An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein an seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften“.

So beginnt das Grimmsche Märchen vom tapferen Schneiderlein. Es erzählt die Geschichte eines Textilschaffenden, der mit einem Schlag sieben Fliegen erlegt, sich daraufhin auf einen Gürtel den Spruch „Siebene auf einen Streich“ stickt und fortan für einen Helden gehalten wird, da er ja sieben sicherlich schwer bewaffnete Gegner besiegt habe. Riesen fürchten ihn, Könige bewundern ihn, N24 interviewt ihn und Außenminister Steinmeier gratuliert ihm zu seinem Mut. Womit wir schon beim nächsten Märchen wären.

Die sieben Fliegen oder was wirklich geschehen ist:

Auch an einem schönen Sommermorgen, im August 2013, hält die NPD in Torgelow eine Kundgebung ab. Stefan Köster hält eine Rede, in der er, wie schon oft, die Haltung der Partei zur Asylfrage erläutert.

Es gibt Beifall von den Zuhörern und Proteste von Gegendemonstranten, wie üblich. Dahlemann der die linke Gegenkundgebung durchführte, darf anschließend reden. Er erzählt das, was SPD-Politiker zu dem Thema so sagen. Seine Leute klatschen, die NPD-Sympathisanten buhen. Auch wie üblich.

Nichts Spektakuläres. Routine. Alle gehen nach Hause, ohne das Gefühl, irgend etwas Besonderes erlebt zu haben. Vier Monate gehen ins Land, ehe Dahlemann mit einer Version des Ereignisses an die Öffentlichkeit geht, die man mit Fug und Recht als „bearbeitet“ bezeichnen kann. Warum hat er so lange gewartet? Aus dem gleichen Grund, aus dem heraus manche Leute mit der Präsentation eines Portraitfotos in einer Partnersuchanzeige lieber warten, bis Photoshop mindestens ein Mal drüber gegangen ist. Die Realität reißt keinen vom Hocker. Ein wenig Nachhelfen schadet nie.

Das tapfere Dahlmännlein oder das Propagandamärchen:

Finstere, gewaltbereite Neonazis halten eine ihrer berüchtigten Hetzveranstaltungen ab. Gewalt liegt in der Luft. Köster bietet dem tapferen Dahlemännlein das freie Mikrophon an, voller Tücke, mit derselben Gastfreundschaft, die die Hexe bei „Hänsel und Gretel“ an den Tag legte. Dahlemann weiß: Jetzt muß er alles riskieren. Todesmutig geht er ans Rednerpult. Und hält die Rede des Jahrhunderts, voller neuer, alle Feinde niederschmetternder Argumente. Ganz Torgelow jubelt und fordert mehr Asylanten. A star is born!

In Wirklichkeit geschah gar nichts. In Wirklichkeit war keiner beeindruckt. Ein Medienmärchen wird erzählt, vermutlich von Profis gestaltet und verbreitet. Der US-Künstler Andy Warhol sagte ein Mal sinngemäß, in Zukunft könne jeder seine 15 Minuten Ruhm haben. Dahlemann hat jetzt zwei bis drei Wochen, bis der Kampagne die Luft ausgeht.

Auch ohne diese zusammengeschusterte Heldengeschichte wird er wohl in drei Jahren in den Landtag kommen. Das schafft in der überalterten SPD jeder, der keinen Rollator benötigt. Damit das tapere Dahlemännlein aber jetzt schon in den Landtag nachrücken könnte, müßte einer seiner Genossen zu seinen Gunsten verzichten.

Und so etwas gibt es wirklich nur im Märchen!

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