Ein weitsichtiger Professor

Vietnam, Philippinen, Brasilien: Mittlerweile wird über die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte fast schon genauso routiniert berichtet wie über Staus auf der Autobahn, die „Sonntagsumfrage“ zur Bundestagswahl oder neueste „Erkenntnisse“ der „Wirtschaftsweisen“. Vor allem jene Sendeanstalten, die über den GEZ-Knebel finanziert werden, flankieren gemeinsam mit der Lügen- und Lücken-Presse in Bild, Wort und Ton die regierungsamtliche „Willkommenskultur“.

Kritische Stimmen muss man mit der Lupe suchen – doch es gibt sie.

Der Bremer Gesundheits-Ökonom Professor Heinz Rothgang gab der Nordsee-Zeitung (Bremerhaven) kürzlich ein Interview, das sich um das Pflegethema drehte.

Nur Verschiebung des Problems

Auf die Frage, ob es sinnvoll sei, die nötigen Fachkräfte aus anderen Staaten anzuwerben, entgegnete Rothgang:

„Das kann man wegen des aktuellen Notstands machen. Allerdings ist die demografische Alterung ein globales Problem, bei dem wir anderen Ländern lediglich ein bis zwei Dekaden voraus sind. Die höchste Zahl Pflegebedürftiger haben wir in gut 30 Jahren. Dann werden Pflegekräfte auch in anderen Ländern verstärkt benötigt. China ist zum Beispiel im Moment eines der am schnellsten alternden Länder. Ob dann die Fachkräfte von den Philippinen noch zu uns kommen, ist fraglich. Im Moment verschieben wir unser Problem also in die Länder, aus denen diese Pflegekräfte kommen. Ich sehe das kritisch. Und man muss sich auch Gedanken machen, was mit den Pflegenden passiert, die zu uns kommen. Sollen sie dauerhaft in Deutschland bleiben, welche Integrationsstrategie müssen wir einrichten und wer kümmert sich um die Arbeitsmarktqualifikation? Zentral ist deshalb aus meiner Sicht, den Pflegeberuf durch bessere Bezahlung und verbesserte Arbeitsbedingung so attraktiv zu machen, dass wir auf gezielte Zuwanderung langfristig nicht angewiesen sind.“

Rothgang denkt also (im wohlverstandenen Sinne!) durchaus global und nicht nur von 12 Uhr bis mittags wie die derzeit maßgeblichen Kräfte in der Bundesrepublik.

„Dann knallt es …“

Grundsätzlich, so der Wissenschaftler weiter, bestehe „ein großer Konsens darüber, dass die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen … verbessert werden müssen. Wichtig ist dann aber die Folgefrage: Wer soll das bezahlen? Nur die Pflegebedürftigen selbst zu belasten, kann nicht die Antwort sein. Dass muss Aufgabe der Pflegeversicherung sein. (…) Ob dafür auch Steuergeld vom Finanzminister zur Verfügung gestellt wird, werden wir sehen. Ich fürchte, dass es mit dem Auslaufen der ersten Corona-Welle einen Verteilungskampf um die Gelder geben wird, um Branchen zu retten – und die Pflege hier nicht die stärkste Stimme hat. Aus meiner Sicht droht das Szenario, dass die Pflegekräfte heute beklatscht werden, eine Prämie bekommen und dann am Ende gesagt wird, dass für die Pflegereform leider kein Geld mehr da sei. Dann knallt es aber in der Pflegeszene. Das wird keiner verstehen, wenn Unternehmen wie ,VW‘ mehr Geld bekommen als eine Branche, die sich jetzt als systemrelevant erwiesen hat.“ (Quelle: NZ vom 14. Mai 2020)

Apropos knallen: 2017 erschien aus der Feder des Praktikers Armin Rieger ein Buch mit dem Titel „Der Pflegeaufstand. Ein Heimleiter entlarvt unser krankes System. Würdige Altenpflege ist machbar“.  

Die Lektüre lohnt sich; und übrigens: Leute wie Rieger und Rothgang wären in einem gesunden Staatswesen Fachberater im Gesundheitsministerium. Aber wir leben nun mal in der BRD.

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