Die „Willkommenskultur“, der Erwerbslose und der nationale Instinkt

Die Landesregierung setzt vor dem Hintergrund des „demographischen Wandels“ auch auf ausländische Studierende. Gern wird dabei auf den „Fachkräftemangel“ verwiesen. Gleichzeitig sind in M-V deutlich über 4.500 Menschen mit akademischer Ausbildung arbeitslos gemeldet.

Immer mehr Ausländer kommen in die Bundesrepublik, um sich hierzulande einen Hochschulabschluß auf Staatskosten zu sichern. „Jetzt oder nie“, sagten sich die Verantwortlichen der Hochschule für Theater und Musik in Leipzig. Studenten aus dem Nicht-EU-Ausland müssen dort künftig Studiengebühren entrichten, berichtete kürzlich Die Zeitung Der Schlesier. Anders wäre das Lehrpersonal nicht mehr finanzierbar. Die Leipziger Einrichtung nehme damit deutschlandweit eine Vorreiterrolle ein.

Der NPD-Abgeordnete David Petereit wollte mit einer Kleinen Anfrage in Erfahrung bringen, ob für M-V eine ähnliche Verfahrensweise geplant sei. Sind doch auch an den hiesigen Unis viele Studierende aus dem Nicht-EU-Ausland eingeschrieben (siehe Drucksache 6/2626).

„Die Landesregierung“, so die Antwort des Bildungsministeriums, „sieht keine Notwendigkeit einer entsprechenden Änderung des Landeshochschulgesetzes.“ Dessen Paragraph 6 besagt, daß in M-V bis zu einem ersten und bei gestuften Studiengängen bis zu einem zweiten berufsqualifizierenden Abschluß keine Studiengebühren erhoben werden.

„Internationalität“ heißt Ausbildung für eine Tätigkeit im Herkunftsland

Eine Änderung des LHG sei schon deshalb nicht vorgesehen, weil auch M-V aufgrund „der demographischen Situation auf die Zuwanderung inländischer wie ausländischer Studierender angewiesen“ sei, „wenn der Umfang von Forschung und Lehre an den Hochschulen aufrechterhalten werden soll.“

Da weht er also wieder, der Wind der Internationalität, in diesem Fall durch Labore, Seminarräume und Hörsäle. Richtig aufgefaßt, würde „Internationalität“ aber bedeuten, ausländische Studierende – gerade, wenn sie aus Dritte-Welt- oder Schwellenländern kommen -, nach den noch immer sehr anspruchsvollen hiesigen Standards auszubilden – und sie damit auf eine Tätigkeit in den Herkunftsländern vorzubereiten. Früher wurde so etwas Entwicklungshilfe genannt. Im Sinne einer Gegenleistung wäre es durchaus legitim, Studiengebühren zu verlangen.

November 2013: Mehr als 4.500 arbeitslos gemeldete Hochschulabsolventen

„Aber wir brauchen sie doch, auch nach Beendigung ihres Studiums“, hören wir die  Wirtschaftslobbyisten laut jammern. Eine solche Praxis würde den Herkunftsstaaten allerdings von vornherein sehr dringend benötigte Fachkräfte entziehen. Der „Kampf um die besten Köpfe“, wie ihn Merkel oder der Bundes-Gau(c)kler stets und ständig propagieren, ist somit nichts anderes als die Wiederauferstehung eines längst vergessen geglaubten Kolonialismus.
Die Aussage des Bildungsministeriums wirft zudem die Frage auf, ob der „Markt“ wie leergefegt sei, M-V also auf Teufel komm raus um ausländische Hochschulabsolventen buhlen muß.

Laut einer Anfrage des Abgeordneten Henning Foerster waren im November 2013 4.711 Frauen und Männer mit einer akademischen Ausbildung arbeitslos gemeldet, darunter Hochschulabsolventen, die einen Abschluß in Psychologie oder Psychotherapie erworben haben, aber auch Energie- und Elektrotechniker, Informatiker, IT-Fachleute, Softwareentwickler und – man höre und staune – 197 Personen, die für eine Lehrtätigkeit an allgemeinbildenden Schulen ausgebildet worden sind (Drucksache 6/2590).

Großes Potential steht in den Startlöchern

Wie der Anfrage weiter zu entnehmen ist, lag die Zahl der erwerbslosen Uni-Absolventen in den Jahren 2009 bis 2012 stets bei über 4.500 Personen.

Und ob Herr Foerster nun will oder nicht, kann seine Anfrage durchaus im nationalen Sinne aufgeladen werden. Liegt doch nachweislich auch in M/V ein durchaus recht großes Potential an gut ausgebildeten Fachleuten mit Hochschulausbildung brach, das derzeit zum Däumchendrehen verdammt ist und in den Startlöchern steht.

Wer den Betroffenen etwas über „Fachkräftemangel“ oder gar von einer „Willkommenskultur“ für ausländische Hochschulabsolventen erzählt, wird wohl eher ein verständnisloses Kopfschütteln erleben. Möglicherweise dürften beim einen oder anderen sogar die nationalen Instinkte wachgeküßt werden – auch wenn sie oder er ansonsten eher linksgestrickt ist.

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